Juni 20, 2016

Tochter der Khasi

Mebada Khongjee ist die Königin des Dschungels. Jedenfalls an diesem Nachmittag, dem letzten, an dem das Waschen und Baden im Fluss noch erlaubt ist. Mit einer Plastiktüte mit ihren besten Kleidern ist sie die 137 vermoosten Stufen zum Wasser hinabgegangen. Der Fluss, der nur Fluss von Mawlynnong heißt, und dessen Wasser sich durch viele Verzweigungen bis zum Ganges zurückverfolgen lässt, ist jetzt, im Spätherbst, fast ausgetrocknet.

Mebada hat sich einen Felsen gesucht, auf dem sie vor der Kamera posiert. Sie hat Kleid um Kleid aus der Tüte gezogen, made in China, aus grellem Polyesterstoff und mit Rüschen und Spitzen daran. Sie hat gebettelt: Nur noch ein Foto. Sie hat die dunklen Haare und den Kopf zurückgeworfen, so wie sie es bei den Frauen in den Bollywood-Filmen gesehen hat. Um ihre nackten Füße floss das Wasser und über ihrem Kopf bildeten die Bäume ein dichtes Dschungeldach.

 

Wie immer ist die 17-Jährige am Morgen um vier Uhr aufgestanden und hat einen Spaziergang durch das schlafende Dorf gemacht. Es ist die einzige Zeit des Tages, die sie für sich alleine hat. Die Luft ist so früh am Morgen noch kühl und immer geht Mebada bis zu der kleinen Lichtung, die die Männer des Dorfes in den Dschungel gerodet haben, damit die Jungen Fußball spielen können. Dann sitzt sie einen Augenblick dort in der Morgenstille und hängt Träumen nach, von denen sie weiß, sie werden nicht erfüllt.

Mawlynnong, Mebadas Heimat, ist ein kleines Dorf im indischen Bundesstaat Meghalaya. Nicht weit von hier verläuft die Grenze zu Bangladesch, im Norden liegt der indische Bundesstaat Assam. Meghalaya bedeutet: wo die Wolken wohnen, und die Region macht ihrem Namen Ehre. Nirgendwo in Indien regnet es mehr als hier und die Wolken hängen stets so tief, dass man in sie eingehüllt ist wie in ein nasses Tuch.

In den East- und West-Khasi-Hills, Vorläufern des Himalaya-Gebirges, leben die Khasi, ein matrilineares Volk, dessen Erbfolge von der Mutter auf die Töchter übergeht. Rund 1,1 Millionen Angehörige hat diese Volksgruppe, bestehend aus Hunderten von Clans. Die meisten von ihnen leben in Meghalaya, einige Zehntausend in Assam oder Bangladesch.

Die über die Hügel verstreuten Dörfer sind erst seit einigen Jahren über feste Straßen zu erreichen. Mawlynnong liegt gut drei Stunden von Meghalayas Hauptstadt Shillong entfernt, tief im dichten Dschungel und ist von von kleinen Flüsschen umgeben. Rund 550 Menschen, verteilt auf 95 Häuser, leben dort, bis vor einigen Jahren noch verborgen vor dem Rest der Welt.

„Ich bin eben die Khaddu“, damit beendet Mebada jedes Gespräch über die Träume, denen sie auf ihren einsamen Morgenspaziergängen nachhängt. Mebada würde gerne Englisch studieren und Lehrerin werden, noch lieber würde sie einen Ausländer heiraten und nach Europa oder Amerika gehen. Nur: Sie ist eben die Khaddu.

Khaddu wird bei den Khasi immer die jüngste Tochter einer Familie. Der Titel verleiht der Trägerin das Recht, nach dem Tod der Eltern das Oberhaupt der Familie zu werden. Mebada wird das Haus erben, den Acker, den kargen Besitz aus Töpfen und Schränken, Blechlöffeln und Schüsseln, Matratzen und Kochlöffeln, aus ausgetretenen Schuhen und dünn gewaschener Kleidung. An ihr wird es sein, den Clan zu erhalten, im Geist der Ahnen und der ersten Urmutter der Khasi, aus deren Leib alles Leben kam.

Mebada würde gern Englisch studieren und Lehrerin weden. Aber als “Khaddu” hat sie andere Aufgaben.

Doch Khaddu zu sein, ist auch eine Verpflichtung. Mebada ist für ihre Eltern bis zu deren Tod verantwortlich. Es wird von ihr erwartet, im Elternhaus wohnen zu bleiben, sich um die Mutter, den Vater, die Brüder zu kümmern. Kochen, einkaufen, Wäsche im Fluss waschen, Kranke pflegen, putzen. Für Träume und Freiheit bleibt da kein Raum, jedenfalls nicht in Mawlynnong, wo alles noch immer so gemacht wird wie vor Jahrhunderten.

Durch ihre matrilineare Erbfolge, unterscheiden sich die Khasi deutlich von den anderen Volksgruppen Indiens. Bei den Khasi sind Töchter mehr wert als Söhne. Sie werden weder ausgesetzt, noch sexuell missbraucht, noch vergewaltigt. Jene Nachrichten, die aus anderen Bundesstaaten Indiens auch bis Mawlynnong dringen, stoßen dort auf großes Unverständnis. Frauen nicht zu achten, heißt für die Khasi, der Gesellschaft Schaden zuzufügen. Hat eine Familie nur Söhne, gilt sie als unglücklich, weil nur die Tochter die Kontinuität eines Clans fortsetzen kann.

Es ist 4.30 Uhr, als Mebada Feuer macht. Den Reis aufsetzt, das Daal aus Linsen kocht, aus Gemüseresten kleine Frikadellen backt. Die wird der Vater mit aufs Feld nehmen, die Brüder und die Mutter am Mittag essen, wenn Mebada noch in der Schule ist.

Die meisten Khasi sind von ihrer Naturreligion zum Christentum konvertiert – und essen gelegentlich Rindfleisch. Aus den Hufen wird Suppe gekocht.

Die Herdstelle ist das Zentrum des Hauses, besonders an kalten Tagen. Die Häuser der Khasi sind auf niedrigen Stelzen gebaut gegen Überschwemmungen, die Wände sind aus Bambus und Lehm, zur Monsunzeit dringt die Feuchtigkeit ein, im Winter die Kälte.

Mebadas Bewegungen sind schnell, routiniert. Der Tee darf nicht zu spät fertig sein, sonst wird der Vater schimpfen, die Mutter aus ihrem Bett zetern, in dem sie seit einigen Wochen mit einer Grippe liegt. Der Vater, Morkan, ist mit seinen 55 Jahren noch kräftig, aber die Mutter, Merona, neun Jahre jünger als er, ist schon fragil, mit einem Gesicht wie ein Vogel.

Die älteste Tochter der Familie Khongjee heißt Eva. Sie ist 26 Jahre und hat schon zwei eigene Kinder, Jasmin, 4, und Ida, 2. Nach Eva kommt Mebada und danach noch die beiden Söhne: Damutlang, der selten spricht, und am liebsten den ganzen Tag an der Herdstelle sitzt. Im Westen würde er als Autist gelten, aber bei den Khasi glauben sie, er lebe in einer anderen spirituellen Welt. Der Jüngste ist Datiplang, ein aufgeweckter 12-Jähriger, der den Familienclown spielt.

 

Vor drei Jahren zog auch Provenus zur Familie, Evas Lebenspartner. So ist es hier Sitte: Der Mann verlässt das Haus der Eltern, um im Haus der Schwiegereltern zu leben. Eva hat Provenus in Shillong kennengelernt, wo sie als Dienstmädchen bei einer reichen Khasi-Familie arbeitete. Er ist Handwerker von Beruf. Eva hat die Eltern nicht gefragt, ob ihnen diese Liebe passt, weil ein Khasi-Mädchen nicht fragen muss, sondern sich ihren Mann frei wählen darf. Und eng wird es ohnehin in den meisten Häusern, wenn die Schwiegersöhne einziehen und noch Kinder dazukommen.

Eva und Provenus haben nicht geheiratet, jedenfalls nicht offiziell. Die Khasi sind gläubige Christen seit der britischen Kolonialherrschaft. Doch trotz ihrer tiefen Religiosität reicht es bei ihnen, wenn Mann und Frau unter einem Dach leben, sie gelten dann als Ehepaar. Eine Hochzeit kostet Geld, doch die Menschen in den Dörfern sind arm. Sie leben von der Landwirtschaft und vom Fischen, sie können sich ernähren aber haben kaum Geld.

Niemals hat es bei den Khasi den Zwang gegeben, bei einem ungeliebten Mann bleiben zu müssen: Früher musste die Frau nur ein Tauschritual mit Münzen oder Muscheln vollführen, dann war sie vom Mann „geschieden“. Auch heute ist die Trennung eine leichte Sache, denn die matrilinearen Regeln der Khasi sind sogar in der Verfassung von Meghalaya verankert. Aller Besitz gehört den Frauen. Ein Mann kommt mit leeren Händen ins Haus der Frau, er muss auch mit leeren Händen wieder gehen. Auch auf die Kinder hat er keinen Anspruch. Kein Richter in Meghalaya würde einem Khasi-Vater je das Sorgerecht zusprechen, denn die Kinder gehören zum Clan der Mutter, der Vater aber nicht.

 

Provenus’ Familie wohnt in einem Dorf an der Grenze zu Assam. Er hat sie seit zwei Jahren nicht gesehen, weil eine Bustour hin und zurück rund fünfzehn Euro kostet. In Mawlynnong ist das ein Vermögen. Provenus, der sich mit Bauarbeiten durchschlägt und Eva, die bei Familien im Dorf putzen geht, verdienen zusammen fünfzig Euro in der Woche.

Fast zwei Jahre ging es damals gut, nachdem Eva mit Provenus wieder nach Hause gezogen war. Doch Provenus hatte nicht immer Arbeit, die Eltern beklagten sich, die Mutter sagte, was Mütter auf aller Welt zu ihren Töchtern sagen: Du hättest etwas Besseres finden können. Provenus hätte gern ein Haus für Eva gebaut. Aber ein Haus zu bauen, kostet 50 000 Rupien (etwas mehr als 700 Euro), bis sie die gespart haben, kann es noch Jahre dauern.

Provenus und die Schwiegereltern verstehen sich heute nicht mehr. Setzt sich Merona an die Herdstelle, verlässt er die Küche, kommt Morkan von der Arbeit, verlässt er das Haus. Es hat ohnehin nur vier Räume, viel zu wenig für neun Bewohner. Ein Raum gleich hinter der Eingangstür ist eine Art Wohnzimmer. Auf dem Boden liegen Reismatten, darauf schlafen die beiden Brüder und Mebada. Möbel gibt es nicht. Dann das Schlafzimmer der Eltern, darin ist ein Bett mit einer Strohmatratze. Im dritten Zimmer schläft Eva mit ihrer Familie. Mebada legt sich stets als Letzte hin, sie findet keine Ruhe, bis alle im Bett sind. Sie muss das Geschirr vom Abend waschen, die Wäsche falten, die Kleidung der Geschwister einsammeln und in die Schüssel legen, um sie am anderen Tag zum Fluss zu tragen. Meist ist es schon lange dunkel, wenn Mebada einschläft, das Dorf liegt in völliger Ruhe, nur die jüngsten Töchter sind in allen Häusern noch wach.

 

Wenn die Spannungen in der Familie zu groß werden, beginnt Eva als Erste zu streiten. Sie ist zäher, aufmüpfiger als die Schwester, die sich vor der Last der Verantwortung in Träume rettet. Mebada versucht, allen Streit wegzulächeln. Sie läuft dem Vater hinterher, eilt zur zeternden Mutter, während Eva, wie durch die eigenen Kinder geschützt, trotzig und laut wird. Die Brüder halten sich aus allem raus. Damilang sowieso, Datiplang spielt draußen auf seinem selbst gebauten Schlagzeug aus Plastikeimern und Blechstücken, die er an Ästen befestigt hat. Und Morkan nimmt sich eine Schachtel Zigaretten und geht zu seinen Freunden. Schweigend sitzen sie dann irgendwo im Dorf auf dem Boden und rauchen, solange, bis sie meinen, wieder genügend Luft für sich selber geholt zu haben.

Es ist eine seltsame Sache mit den Sitten der Khasi. Für beide Geschlechter bedeutet die matrilineare Tradition Stärke und Schwäche zugleich. Sie bewahrt die Frauen vor wirtschaftlicher Not und gibt ihnen in Beziehungen die Macht, sich eines ungeliebten oder gewalttätigen Mannes zu entledigen – aber nur theoretisch. Denn gleichberechtigt sind die Frauen deshalb noch lange nicht. In Mawlynnong und auch den anderen abgelegenen Dörfern der Hügel sind es noch immer die Männer, die das Geld verdienen, und es sind auch dort, wie in fast allen traditionellen Gesellschaften, die Frauen, die die Hauptlast der Familienarbeit tragen. Und sich zunehmend drüber beklagen.

In Shillong, der Hauptstadt von Meghalaya, hat die Khasi-Kultur schon tiefe Risse bekommen. Dort gibt es jüngste Töchter, die nicht für die Eltern sorgen, die fortgehen und sich Berufe suchen. Es gibt Frauen, die Jeans und Pumps tragen statt dem traditionellen Gewand, das an den Schultern mit einer Brosche befestigt wird. Es gibt Frauen, die rauchen und trinken und nur ein Kind bekommen wollen. Vor allem aber gibt es dort Frauen, die keine Khasi-Männer mehr heiraten wollen.

„Der Khasi-Mann ist wie ein Kind“, sagt Laloo Deepak und rührt mit düsterem Gesicht in seinem Morgentee. Es ist Sonntag in Mawlynnong, seit fünf Uhr läuten die Kirchenglocken alle zwei Stunden zur Messe. Aus der Kirche schallt Gesang herüber, auch die Familie Khongjee ist im Gottesdienst.

Deepak schiebt auf seinem Teller Reis und Linsen hin und her. „Unsere Kultur hat dazu geführt, dass der Mann keine Verantwortung übernimmt und infantil bleibt. Er ist ein Hedonist. Er will das Leben genießen, um jeden Preis. Wen wundert es, dass die Frauen keine Khasi-Männer mehr wollen?“ Deepak zeigt auf einen Schmetterling, der es sich auf einer Bougainvillea-Blüte bequem gemacht hat. „Die Männer meiner Generation, die sind wie die da. Flatterhaft.“

 

Deepak wohnt in Shillong, doch er baut in Mawlynnong ein Gästehaus. Seit das Dorf mit einer festen Straße angebunden wurde, kommen Touristen aus Assam und Delhi, machen Wanderungen im Dschungel und bestaunen die Kultur der Khasi. Der Tourismus hat Mawlynnong Geld gebracht und den Titel „Sauberstes Dorf Asiens“. Tatsächlich liegt kein Müll herum, alle Wege sind gefegt, die Abwasserrinnen sauber geschrubbt. Deepak ist mit der Hälfte der Menschen in Mawlynnong verwandt, er kennt die Männer, die mit vielen Frauen viele Kinder haben, weil sie ohnehin für keines der Kinder Verantwortung übernehmen müssen. Sie müssen auch keine Alimente zahlen. Er kennt die Kämpfe der Frauen, sich und die Kinder durchzubringen. Er kennt die Distanz, die in den Familien herrscht, weil die Frauen und die Kinder eine Einheit bilden und die Männer wie entfernte Planeten um sie kreisen.

Deepak gehört einer Gruppe von Männern an, die die matrilineare Erbfolge der Khasi abschaffen wollen. Sie verlangen, dass die Söhne so viel erben wie die Töchter. Die Männer wollen nicht mehr ins Haus der Schwiegereltern ziehen, vor allem aber wollen sie, dass die Kinder ihren Namen tragen und nicht mehr zum Clan der Mutter gehören. Sie sehen sich als Emanzipationsbewegung und Vorkämpfer für die Rechte der Männer. Sie behaupten, KhasiMänner würden früh sterben, aus Gram, weil sie sich ungeliebt und nutzlos fühlten oder wegen ihres ungesunden Lebens. Sie sagen, die matrilineare Struktur sorge für Uneinigkeit und Brüche in den Familien. Und sie sind Nationalisten. Aus ihren Argumenten spricht auch die Angst, dass die Khasi aussterben, weil die Khasi-Frauen lieber Männer heiraten, die nicht so kindlich sind.

4000 Mitglieder umfasst die Männerbewegung heute angeblich. Bislang sind sie an den Gerichten Meghalayas gescheitert, vor allem aber an der Frage, wann und warum die matrilineare Kultur entstand. Ist sie nur ihrer Zeit geschuldet oder ist sie der Kern allen Khasi-Seins? Sie sei entstanden, als die Männer Kriege führten und die Frauen daheim alles alleine regeln mussten, sagen die Emanzipationsmänner – daher könne sie jetzt wieder abgeschafft werden. Sie entspringe aus dem traditionellen Glauben, sagen die Gelehrten. Zwar hängen nur wenige Khasi der alten Religion an, doch dass die Frauen die Urmasse der Gesellschaft sind, dass sie Stabilität garantieren, aus dieser Erkenntnis, wurde eine Dreifaltigkeit: Mutter, Bruder und Vater sind die Träger der Familie, mit der Mutter als Oberhaupt, dem Bruder als Erzieher und Vorbild für die Kinder und dem Vater als Unterstützer des Bruders. So war es immer. Und so soll es auch bleiben, sagen die Traditionalisten.

Mebada weiß nicht, ob sie die Gesetze der Khasi ändern möchte. Es sei immer so gewesen, es habe wohl seinen Sinn, sagt sie, wenn man sie fragt. Dennoch würde sie gerne aus den Zwängen ausbrechen, hat Angst, der Last als Familienoberhaupt eines Tages nicht gewachsen zu sein.

Wenn Mebada aus der Schule nach Hause kommt, hat sie noch zwei Stunden Zeit, bis es dunkel wird. Zwei Stunden, um die Wäsche der Familie zu waschen. Und sich. Nun, wo der Hauptfluss gesperrt ist, müssen die Mädchen auf kleinere Flüsse ausweichen.

Die Flüsse um Mawlynnong sind mystische Orte. Im dunklen Schatten der Bäume gurgelt das Wasser durch Felsen, Kinder schwimmen in den ausgehöhlten Becken unter den Wasserfällen. Die Flüsse trennen das Dorf vom Dschungel, sie sind die Demarkationslinie zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Dahinter beginnt die dichte Wildnis, erstreckt sich über viele Kilometer und fällt dann ab in die Ebene von Bangladesch. Umgefallene Bäume liegen im Fluss, strecken ihre Wipfel rettungssuchend zum anderen Ufer. Aus dem Fluss kommt der Duft von Erde, mischt sich mit dem der Seifenlauge.

 

Abseits der waschenden Mädchen stehen Jungen mit Bambusrouten als Angeln. Nur scheu wagen sie es, den Kopf zu den Mädchen zu drehen, schnell schauen sie wieder fort. Die Mädchen rubbeln und spülen, rubbeln erneut, mindestens eine Stunde lang. Dann gleiten sie selber in das Wasser, in Unterwäsche, schnell und kichernd. Sie treiben auf dem Rücken, ihre Haare schwimmen ihnen um den Kopf wie ein dunkler Kranz. Zurück auf dem Felsen legen sie die Beine zur Seite und im blätterdurchbrochenen Abendlicht sehen sie aus wie Flussnymphen. Dann kämmen und flechten sie sich die Haare, ziehen die Kleidung wieder über die nasse Unterwäsche, schultern die Schüsseln mit der Wäsche, laufen nach Hause.

„Spute dich, Mebada“, sagt Eva, als die Schwester das Haus betritt. „Du bist spät.“ Eva hat schon Feuer gemacht und Tee gekocht, hat das Essen für ihren Mann und ihre Töchter aufgesetzt. Mebada muss für die Eltern und die Brüder kochen, sie läuft und eilt, nie verlässt das Lächeln ihr Gesicht. Nach dem Essen sitzen die Geschwister zusammen um die Herdstelle, Eva und Mebada kuscheln mit den Kindern, Damilang schweigt, Datiplang baut aus Holz und Blechresten ein Auto. Auch die Eltern kommen hinzu, Eva kocht noch einmal Tee und alle tauchen süßen Zwieback hinein. „Wenn ich nicht die Khaddu wäre“, hatte Mebada am Nachmittag gesagt, „dann wäre ich freier. Aber ich würde trotzdem immer bei meiner Familie bleiben wollen.“

zum Artikel:

http://www.nido.de

April 19, 2014

Die Insel Diu – Bollywood in Badeschlapfen

Geröstete Erdnüsse und Banana-Boat-Rides für umgerechnet einen Euro. Ferner eine Strandbar mit dem whiskybraunen Mr. Johnny, einem recht kratzigen Johnny-Walker-Plagiat. All das bietet Dius bekanntester Strand. Und Familien in knielangen Kurta-Hemden, die fürs Urlaubsfoto Freudensprünge beliebter Filmszenen nachstellen. Auch sie gehören dazu am Nagoa Beach, die auf Bollywood-Sandkiste macht. Ebenso wie ein in Indien bis vor kurzem kaum verbreitetes Hobby, das jetzt mit umso tieferer Hingabe gepflegt wird: die rituelle Zeremonie der zärtlichen Autowäsche nämlich. Read the rest of this entry »